„Für Gottes Wort nehm’ ich mir Zeit“ lautet ein bekanntes Lied von Theo Lehmann. Dass man sich für Gottes Wort Zeit nehmen sollte, um auf Gott zu hören und seinen Willen für unser Leben kennenzulernen, wird wohl bei allen Christen Zustimmung finden. Auseinander gehen die Meinungen allerdings da, wo gefragt wird, was mit diesem „Wort Gottes“ nun genau gemeint ist. Heutzutage wird „Wort Gottes“ nicht mehr selbstverständlich als Synonym für die Heilige Schrift, sprich die Bibel, verstanden, sondern eher als ein Reden Gottes im Inneren des Menschen. So soll der Christ die Stille suchen, um dort für die Begegnung mit dem Geist Gottes bereit zu sein.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, Stille und Ruhe zu suchen – die Frage ist aber, was dann dort geschieht? Reformatorisches Christentum hat den Gedanken an ein unmittelbares, am Wort Gottes vorbeigehendes, Reden Gottes im Inneren des Menschen stets verworfen. (In diesem Zusammenhang sei nochmals auf das Büchlein von Pfr. Kürschner hingewiesen.) So soll Martin Luther drastisch gesagt haben:
Deshalb mahne ich euch vor solchen verderblichen Geistern – die sagen, ein Mensch empfängt den Heiligen Geist durch stilles Sitzen in der Ecke – auf der Hut zu sein. Hunderttausend Teufel wird er empfangen und nicht zu Gott kommen.
Auch Dietrich Bonhoeffer wäre wohl kein Freund der heute gängigen Praxis geworden, sich zu sehr auf die Innerlichkeit zu konzentrieren:
… man meint, das Wesen des Menschen bestehe in seinen innersten, intimsten Hintergründen, und das nennt man dann seine „Innerlichkeit“; und ausgerechnet in diesen menschlichen Heimlichkeiten soll nun Gott seine Domäne haben!
Und weiter:
Die Bibel kennt unsere Unterscheidung von Äußerem und Innerem nicht. Was soll sie eigentlich auch? Es geht immer um den „Anthropos teleios“, den ganzen Menschen, auch dort, wo wie in der Bergpredigt, der Dekalog ins „Innerliche“ vorgetrieben wird. Daß eine gute „Gesinnung“ an die Stelle des Guten treten könne, ist völlig unbiblisch. … Das „Herz“ im biblischen Sinne ist nicht das Innerliche, sondern der ganze Mensch, wie er vor Gott ist. … Ich will also darauf hinaus, dass man Gott nicht noch an irgendeiner allerletzten heimlichen Stelle hineinschmuggelt …
Und das bedeutet eben, dass der Menschen von außen mit dem Wort Gottes, wie es uns in der Bibel überliefert ist, angesprochen werden beziehungsweise sich ansprechen lassen soll – alles Übrige steht in Gottes Hand.
Bonhoeffer schrieb dies alles noch als eine Kritik an der Praxis, die Sünden und Schwächen eines Menschen in seinem tiefsten Inneren ausspionieren zu wollen – notfalls auch mit psychologischen und philosophischen Konzepten und Methoden. Mir scheint, dass man heute oft nichteinmal mehr Sünden, sondern nur noch sich selbst sucht?!
Wer aber Jesus Christus sucht, der sollte hören auf „das Gesetz und die Worte, die der Herr Zebaoth durch seinen Geist sandte durch die früheren Propheten.“ (Sach 7,12) So ruft uns Jesus Christus zu:
„Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“ (Joh 6,63)
„Kehrt euch zu meiner Zurechtweisung! Siehe, ich will über euch strömen lassen meinen Geist und euch meine Worte kundtun.“ (Spr 1,23)
„Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.“ (2 Petr 1,20.21)

