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Klarheit der Heiligen Schrift oder neuzeitliche Subjektivität

Einst fragte ein Student den alten Karl Barth, wann man denn seine Kirchliche Dogmatik verstanden habe und bekam zur Antwort: „Ver-standen haben Sie sie erst dann, wenn Sie dort stehen, wo sie entstanden ist.“ Das Verstehen ist demnach nicht unabhängig vom eigenen Standort. Mehr noch: Die je eigene Verortung bestimmt auch, was sich von der Umgebung dem Blick des Beobachters öffnet, welche Horizonte ihm sichtbar werden: Die Frage nach den Offensichtlichkeiten, den Evidenzen deutet sich an.

Szenenwechsel zu einer anderen Standortbestimmung: Unter Lebensgefahr zu seiner Theologie befragt, ruft Luther auf dem Reichstag zu Worms aus: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ An welchem Ort befindet sich Luther hier? Was ist es, das ihm den Ortswechsel „nach Rom“ unmöglich macht? Die theologiegeschichtliche Vereinnahmungsmaschinerie des Neuprotestantismus hat hier rasch und diskret entschieden und durch ihre Verortung mit einem Streich – gleichsam in einem Akt intelligibler Landnahme – einen erheblichen Raumgewinn für sich erzielen können. Indem sie Luthers Gewissensreservat in Worms als einen heroischen Akt neuzeitlicher Subjektivität gegen das Auslegungsprimat der kirchlichen Tradition deutete, konnte sie das ganze Reich der Reformation zu ihrer Einflusssphäre erklären.

Doch ist das wirklich der Ort, an dem Luther steht? Ist das Vertrauen auf die eigene theologische Urteilskraft, die Überzeugung, den Text besser ausgelegt zu haben als die gesamte theologische Tradition vor ihm der Auslöser, der „Ort“ der Gewissheit des Reformators? Gute Gründe sprechen dafür. Der entscheidende Satz in Worms lautet: „Es sei denn, dass ich durch Zugnisse der Schrift oder durch klare Gründe der Vernunft [kursiv, MK] überführt werde …, so bin ich überwunden durch die von mir angeführten Schriftstellen und ist mein Gewissen gefangen in Gottes Wort.“ Wenn auch der Rekurs auf das Wort Gottes als Argumentationsgrund numerisch deutlich überwiegt, so ist doch die Deutung Ecks mehr als nachvollziehbar, wenn er Luther im Anschluss an die Leipziger Disputation genau das vorwirft, was ihm die liberale Theologie später als das große Verdienst anrechnen wird: „Das klingt nicht gut unter Christen, dass einer sich anmaßt, rein aus eigenem Verstand den Sinn der Heiligen Schrift besser zu kennen als die heiligen Väter miteinander.“ Entscheidend ist nun aber, dass sich Luther in dieser Situationsbeschreibung Ecks nicht recht wiedergegeben fühlt, denn nicht auf die Auslegung „nach eigener Vernunft“ kommt es ihm an, sondern: „Wo ich einen klaren Text [kursiv, MK] hätte, würde ich dabei bleiben, auch wenn die Auslegung der Väter dagegen stünde.“

Der Anhaltspunkt der Gewissheit ist für Luther nicht die eigene Subjektivität bzw. deren Auslegungskraft, sondern der „klare Text“ der Schrift. Nicht das bildet die Grundlage eines Standpunktes, was sich vor der Vernunft als anschlussfähig an bisherige Erkenntnis, als analogiefähig erweist, sondern die Heilige Schrift selbst ist die Grundlage, ist der Ort des Stehens und Ver-stehens, der Ort des Evidenten und der Klarheit, weil sie mich klärt, d. h. mich mir in ihrem Licht erst zu erkennen gibt. Sie leuchtet mir ein, indem sie mich erleuchtet.

Der Vernunft ist hier ein rezeptiv-vernehmendes Organ, sie vernimmt das im Text Gemeinte, will Fenster sein, durch welches das Licht des biblischen Wortes das menschliche Bewusstsein durchflutet. Die Rede vom „eigenen“ Verstand, also gerade der Rückzug auf die individuelle Subjektivität würde verdunkeln worum es Luther geht: Der Text ist hell, nicht die menschliche Vernunft!

Ein solcher Grundsatz, wie ihn Luther in Worms vertrat, wirkte damals wie heute in höchstem Maße sperrig und befremdlich und verdient nähere Untersuchung …

Diese Zeilen stammen aus dem ausgezeichneten Buch Martin Luther als Ausleger der Heiligen Schrift von Mathias Kürschner. Diese Büchlein bietet auf nur 60 Seiten und für nur 5 Euro (inkl. Versand) einen wertvollen Beitrag zum Thema Schriftverständnis und Bibelauslegung. Ich kann es nur sehr empfehlen – insbesondere, da dieses Schriftverständnis (gerade unter Evangelikalen) heute weitgehend verloren bzw. unbekannt ist und so vieles im Dunkeln liegt!

Mach aus Sorgen ein Gebet

„Sorge Dich nicht, lebe!“ lautet ein bekanntes Credo des postiven Denkens. Die Bibel kennt hingegen kein sorgloses Leben, in dem man völlig unbeschwert über die Realität und die Last des Alltags hinwegsehen kann. Sorge etwa „um die Sache des Herrn“ (1Kor 7,34; 1Tim 3,5) und die Sorge füreinander (1Kor 12,25; Phil 4,20) ist für einen Christen eine Selbstverständlichkeit.

Demgegenüber gibt es aber auch ein unnützes, ungläubiges Sorgen, das Jesus seinen Nachfolgern untersagt: Mt 6,19-34

Sorgen hat jeder – die Frage ist, wie wir damit umgehen. Dazu möchte ich auf zwei Predigten hinweisen:

  • Die erste Predigt stammt von Pfr. Mathias Kürschner:
     
  • Die andere ist von Pfr. Dr. Theo Lehmann, der uns zuruft: „Mach aus Sorgen ein Gebet
     

Was Dich bewegt – Christen und der Sex

Pfr. Mathias Kürschner ist nicht nur der Verfasser eines ausgezeichneten und empfehlenswerten kleinen Buches über Martin Luther als Ausleger der Heiligen Schrift (siehe hier und hier), sondern er hält auch recht ansprechende Predigten. Eine kurze Predigt zum Thema „Christen und der Sex“ über Epheser 5,1–8a kann hier angehört beziehungsweise heruntergeladen werden: pauluskirche-bielefeld.de