Kürzlich wurden nach einem Gottesdienst 120 Hefte des Magazins „Playboy“ an die rund 400 Besucher verteilt. Die Veranstaltung wollte zu einem unverkrampften Umgang mit der Sexualität ermutigen. Auf die Idee mit der Mitgift kamen Nichtchristen, die an der Veranstaltung mitwirkten. Von den Verantwortlichen wurde diese Anregung „gerne aufgegriffen“, denn man will ja kirchendistanzierte Menschen erreichen. Eine Person habe sich dann auch zu einem Glaubenskurs angemeldet. Doch wenn mit Pornoheften für das Seelenheil geworben wird, muss doch etwas Grundsätzliches verwechselt worden sein?
Neil Postman schrieb in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ über einen Fernsehauftritt von Billy Graham:
„Hochwürden Graham und Burns witzelten über die Vorbereitung für die Reise ins Jenseits. Obwohl in der Bibel nichts davon steht, versicherte Graham den Zuschauern, Gott liebe jene, die andere zum Lachen bringen. Ein verzeihlicher Irrtum. Er hatte lediglich den lieben Gott mit NBC verwechselt. (1)
Diese Verwechselungen kommen offenbar häufiger vor als man denkt. So tönte es jüngst von dem etwas verregneten Ökumenischen Kirchentag in München: „… feiert, lacht und singt, damit ihr Hoffnung habt“. Nichts gegen Feiern, Singen und Lachen, aber zur Begründung christlicher Hoffnung, ist das doch etwas dünn. Auch die Kommentatoren der taz suchten in den Strophen verzweifet nach einem religiösen Inhalt. Scheinbar wurde auch hier etwas verwechselt.
In einem christlichen Jugendmagazin wurden die Leser jüngst aufgerufen, „hörendes Gebet“ zu praktizieren. Dabei soll Gottes Gegenwart in der Stille gespürt werden, damit Gott dort in vielfältiger Weise in und zu uns spricht. Begründet wird dieses Vorgehen mit reichlich Bibelstellen, in denen ich nicht zu finden vermag, was drin stehen soll, und einem Lutherzitat, das seltsamerweise gerade um die Worte gekürzt wurde, die den Inhalt in ein ganz anderes Licht stellen. Wieder eine Verwechselung?
Ein letztes Beispiel: Vor ziemlich genau 76 Jahren fand Ende Mai 1934 in Barmen eine Synode angesichts einer Verwechselung statt, die wegen ihrer unermesslich schrecklichen Folgen uns als unumstößliche Mahnung beständig vor Augen stehen sollte. Der Theologe Emanuel Hirsch schrieb ein Jahr zuvor in beängstigender Naivität:
Kein einziges Volk der Welt hat so wie das unsere einen Staatsmann, dem es so ernst um das Christliche ist; als Adolf Hitler am 1. Mai seine große Rede mit einem Gebet schloß, hat die ganze Welt die wunderbare Aufrichtigkeit darin gespürt. (2)
Was man nicht so alles spüren kann? Jedenfalls gab es einige wenige Kirchenleute, die die Situation anders beurteilten. In Artikel 1 der Erklärung der Barmer Bekenntnissynode hielte sie fest:
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.
All die genannten „Verwechselungen“, so unterschiedlich sie auch sind, haben doch eines gemeinsam: Es wird verkannt, dass die Kirche und jeder Christ einzig und allein aus dem in Jesus Christus und der Heiligen Schrift geoffenbarten Wort Gottes lebt, dass allein dieses Wort Quelle ihrer Verkündigung sein kann und dass allein dieses Wort den Weg der Gemeinschaft der Gläubigen bestimmen darf. Wo man aber dieses Wort mit anderen Überzeugungen, Einsichten und Empfindungen verwechselt, wird Jesus Christus und seine Kirche lächerlich und unglaubwürdig gemacht. Martin Luther sagte: „Zum Christsein gehört es, Geduld zu haben, die sich nicht irdischen Geldes und Gutes getröstet, sonden allein des Wortes der Schrift. Diese ist wohl ein papierenes Buch, aber Gott läßt sich hernieder und senkt sich in die Buchstaben, so daß sie sein Wort sind, auf das die Menschen ihren Trost und ihre Hoffnung setzen können.“ Und weiter, „daß die Schrift nicht ein leicht zerbrechlicher Strohhalm ist; sondern wo die Schrift ist, ist Gott gegenwärtig. Wer sie annimmt, nimmt Gott an.“(3) Und wer sie verwirft, der verwirft Gott. In diesem Sinne: Vorsicht – Verwechselungsgefahr!
Fußnoten:
- Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt: Fischer, 1985, S. 13.
- Robert P. Ericksen, Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus. München: Hanser, 1986, S. 203.
- E. Ellwein (Hrsg.), D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 1: Der Römerbrief. Göttingen: Vandenhoeck, 1963, S. 322.