Es ist ein problematisches Buch. Prof. Georg Huntemann sagte seinen Studenten, dass sie es erst nach einem zweistündigen Gespräch mit ihm lesen dürften. Er selbst hat es allerdings immer griffbereit auf seinem Schreibtisch liegen, weil es für ihn auch ein ganz wichtiges und wertvolles Buch ist. Es geht um „Die Mystik des Apostels Paulus“ von Albert Schweitzer.
Darin vertritt Schweitzer die Überzeugung, dass Paulus ein Mystiker besonderer Art war. Dies wird unter der Voraussetzung entfaltet,
den Sätzen Pauli ihre wörtliche Bedeutung zu lassen. … Wir haben seine Worte reden zu lassen, wie sie lauten, nicht wie wir sie gerne hören möchten.
Einem seiner Kollegen, der eine andere Paulusperspektive vertritt, wirft Schweitzer demgegenüber vor:
Sein [gemeint ist der Kollege] ganzes Bestreben ist einseitig darauf gerichtet, ihn [gemeint ist Paulus] ohne weiteres aus irgendwie gleichlautenden hellenistischen Anschauungen zu erklären. Ehe der arme Apostel nur zu Worte kommt, hat er ihn schon mit Parallelstellen aus der hellenistischen Literatur gesteinigt.
Dieser Ansatz ist die große Stärke des Buches. Und so geht Schweitzer davon aus, dass die Mystik des Apostels Paulus ganz anders beschaffen ist, als die griechisch-hellenistische oder irgend eine andere bekannte Form. Die Frage, „Welcher Art ist die Mystik Pauli?“ beantwortet er folgendermaßen:
Sie nimmt eine ganz eigentümliche Stellung zwischen der primitiven und der denkenden Mystik ein. Die religiösen Vorstellungen des Apostels stehen hoch über denen der primitiven Mystik. Dementsprechend müsste seien Mystik auf das Einssein des Menschen mit Gott, als dem Urgrund des Seins, gehen. Dies tut sie aber nicht. Nie spricht Paulus von einem Einssein mit Gott oder einem Sein in Gott. Wohl behauptet er die Gotteskindschaft des Gläubigen. Gotteskindschaft aber faßt er merkwürdigerweise nicht als ein unmittelbares, mystisches Verhältnis zu Gott auf, sondern läßt sie vermittelt und verwirklicht sein durch die mystische Gemeinschaft mit Christo.
Höhere und niedere Mystik sind also durcheinandergeschoben. Bei Paulus gibt es keine Gottesmystik, sondern nur Christusmystik, durch die der Mensch in Beziehung zu Gott tritt.
Der Fundamentalgedanke der paulinischen Mystik lautet: Ich bin in Christo; in ihm erlebe ich mich als ein Wesen, das dieser sinnlichen, sündigen und vergänglichen Welt enthoben ist und bereits der verklärten Welt angehört; in ihm bin ich der Auferstehung gewiß; in ihm bin ich ein Kind Gottes.
Etwas ganz Eigentümliches hat diese Mystik noch dadurch an sich, daß das Sein in Christo als ein Gestorben- und Auferstandensein mit ihm vorgestellt wird, durch das man von der Sünde und dem Gesetze freigeworden ist, den Geist Christi besitzt und der Auferstehung gewiß ist. Dieses Sein in Christo ist das große Rätsel der Lehre Pauli.
Franz Overbeck, wohl der engste Freund von Friedrich Nietzsche und ein Theologe, der zeit seines Lebens damit beschäftigt war, „das Christentum loszuwerden“, schrieb über diesen rätselhaften Paulus:
Niemand hat Paulus je verstanden und der einzige, der ihn verstand, Marcion, hat ihn mißverstanden.
Auch wenn ich diese gar zu pessimistische Sicht nicht teile, macht sie doch deutlich, dass Paulus sehr eigen und einzigartig in seiner Darstellung des Evangeliums ist und m. E. zugleich so tief und wertvoll für die Christusnachfolge, dass eine intensive Beschäftigung damit mehr als bereichernd ist. Doch was der Apostel meint, wenn er schreibt, dass er mit Christus gekreuzigt ist, nicht mehr selbst lebt, sonder Christus in ihm (Gal 2,19.20, vgl. auch Röm 7,4) und eine neue Kreatur ist (2Kor 5,17) oder dass alle, die auf Christus getauft sind, ihn „angezogen“ haben und jetzt „einer sind in Christus Jesus“ (Gal 3,26–28, vgl. auch Röm 12,4.5) und dass alle, die mit Christus begraben wurden auch von ihm auferweckt werden (vgl. Röm 8,9–11), so dass das Kreuz der Gegenstand des Ruhmes eines Christen wird (Gal 6,14), das erschließt sich nur dem, der Christus auch wirklich folgt und sich ihm ganz und gar anvertraut (Phil 3,8–11):
Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.
Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat.
Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus: Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.