Frage: Welche Bedeutung haben die Reinheitsgesetze im 3Mose 11-15? Ein gesundheitlicher Aspekt erscheint mir zur Erklärung nicht auszureichen. Warum etwa ist der Mann beim Samenerguss und die Frau bei der Menstruation unrein? Warum bleibt nach 3Mo 12,1-5 eine Frau nach der Geburt eines Mädchens doppelt so lange unrein wie nach der Geburt eines Jungen? Sind das nicht alles natürliche Abläufe, die Gott so gegeben hat?
Antwort: Über die theologische Bedeutung der Reinheitsgesetze gab es im Lauf der Geschichte viele Spekulationen. Vor allem das „Warum” der einzelnen Regelungen blieb dunkel. Bisher hat niemand ein eindeutiges Prinzip entdecken können, warum etwa ein Tier unrein, das andere rein sein soll. Und die Bibel selbst sagt nichts zu den Gründen für die Unterscheidungen, obwohl sie, was die Tiere betrifft, schon früh bestanden haben müssen (vgl. 1Mose 7,2; 8,20). So waren die Ideen bei Juden und Christen zahlreich: Man hat im Wiederkäuen der reinen Tiere schon mal symbolisch die Beschäftigung mit dem Wort Gottes angedeutet gesehen. Rationalistisch gedeutet wurde alles als Hygienevorschriften (Schweinefleisch sei weniger haltbar oder weniger gesund) oder als Opposition gegen kanaanäische Riten gesehen (wenn in Kanaan das Schwein als Gott verehrt wird, dann ist es für Israel unrein). Ein gesundheitlicher Aspekt könnte höchstens im Blick auf die Ansteckungsgefahr bei bestimmten Hauterkrankungen geltend gemacht werden, die einen Menschen z. B. bei Aussatz unrein werden ließen. Aber gerade Aussatz ist in dieser Hinsicht eine ungefährliche Krankheit. Moderne Interpreten meinten, dass sich die soziale Ordnung Israels in den Reinheitsgeboten abbilde. Auch eine Art Tierschutz wurde schon darin gesehen: Weil das Schwein nur zum Schlachten und Essen aufgezogen wird und sonst keinen Nutzen hat, soll man es nicht essen, weil dies der Würde des Tieres nicht entspricht. Auch die Überlegung, dass an den Stellen, wo 3Mose von Unreinheit redet, die Macht und das Wirken des Todes besonders zum Ausdruck kämen, ist nicht überzeugend. Man muß feststellen: keine Erklärung ist befriedigend. (weiterlesen…)