Seitdem die Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs u. a. in katholischen Einrichtungen bekannt wurden, ist das Thema in aller Munde. Der Schrei nach Aufklärung und präventiven Maßnahmen wird zu recht immer lauter. Doch wie können Kinder wirklich effektiv und dauerhaft geschützt werden?
Die bekannte und erfahrene Kinderpsychotherapeutin Christa Meves spricht über die Wurzeln heutiger Missbrauchsfälle und wie man ihnen präventiv begegnen sollte:
Aber vorbeugen gegen etwas, was man als ungut erfahren hat, setzt voraus, dass man zunächst einmal die Ursachen ins Auge fasst: Sexueller Missbrauch wuchs vor allem in einem Klima der allgemeinen Sexualisierung der Gesellschaft seit Ende der 1960er-Jahre. Dahinter steckte eine Strategie: Die Enttabuisierung des Schamgefühls. Das ging ganz mühelos: Man brachte medial zum Ausdruck, dass die in Deutschland allgemein übliche Verhüllungsgepflogenheit der Geschlechtsmerkmale eine Erfindung der Bourgeoisie sowie der prüden, veralteten katholischen Kirche und deshalb unnatürlich wie überflüssig sei. Und dann begann man auf Großleinwänden und Theaterbühnen – bis hin zur Perversion – zu zeigen, was sich dem staunenden Publikum alles zeigen ließ. Man konnte in Ruhe abwarten, bis der im Voraus bedachte Erfolg eintraf. Es war eine sichere Methode, mithilfe der Medien Millionen Menschen, wenn auch nicht alle, zum Nachmachen zu animieren; denn der Mensch unserer Zeit besitzt einen außerordentlich wachgehaltenen Nachahmungstrieb.
Diese Situation hatte zur Folge, dass besonders in den Familien intellektueller Kreise eine völlig lockere Sexualmoral einsetzte, auch die Kleinen wurden in dieses vorgebliche Modernsein einbezogen, wie sich der Pädagoge Helmut Kentler das nicht schöner hätte vorstellen können. Er war – wie Alice Schwarzer recherchierte – nach seiner Emeritierung als Universitätsprofessor zu einem gesuchten Gutachter in Kinderschänderprozessen avanciert und befreite per Gutachten zu viele Täter, die ihm unterkamen, von dem bösen Verdacht, etwas Unrechtes mit einem Kind gemacht zu haben.
Die den Kindern abgenötigte Unterdrückung ihres Schamgefühls aber ist eine Gewalttat gegen sie spätestens ab ihrem vierten Lebensjahr; denn von diesem Alter an entsteht in jedem gut gebundenen gesunden Kind das Bedürfnis, (bei den Jungen übrigens früher als bei den Mädchen) seine Genitalien zu verhüllen. Das ist eine innere instinktive Maßnahme, um sie gegen sexuelle Übergriffe in Distanz zu halten. Erfahrene Kinderpsychotherapeuten wissen das nicht nur aus der Genesis, sondern auch aufgrund ihrer umfänglichen Beobachtungen von Kindern und deren Verhalten in diesem Alter.
Die Missachtung und Abdressur des Schamgefühls ist also die erste Voraussetzung zu einem verfrühten Wecken des sexuellen Interesses der Kinder. Bei einer normal verlaufenden Entwicklung mündet sie nach einem vorübergehenden Interesse des Kindes zwecks Findung seiner geschlechtlichen Identität während der Grundschuljahre in die sogenannte Latenzphase ein. Das heißt, dass die Kinder, wenn sie in dieser Phase keine Ein- und Übergriffe erleiden, bis zur Pubertät von sich aus in diesem Bereich kaum motiviert sind.
Demgegenüber ruft Meves zu grundlegenden und radikalen Reformen auf. Der gesamte Artikel kann hier nachgelesen werden: merkur.de


