Wer meint, dass die Abenteuer des Don Quijote schon vor langer Zeit ein Ende gefunden haben, der irrt. Denn in immer neuen Gestalten rüstet er sich und sein altes, dürres Reittier und zieht durch die Lande auf der Suche nach neuen Abenteuern.
Diesmal, so scheint es mir, hat er sich in die Gestalt des Journalisten gekleidet und reitet auf Halbwahrheiten und undifferenzierten Darstellungen durchs Land. Der Feind lauert, wie üblich, hinter der nächsten Ecke, genauer in der nächsten Kirche. Denn, so meint unser tragischer Held, jeder (evangelikale) Christ, der die Bibel ernst oder gar wörtlich nimmt – also ein Fundamentalist, sei eine Bedrohung für unsere freie und demokratische Gesellschaft, und schnell hat unser kampfeslustiger Krieger Gemeinsamkeiten zwischen bibelgläubigen Christen und militanten Terroristen ausgemacht. Terrorist und Fundamentalist reimt sich ja auch!
Wie man auf diese Assoziationen kommt und warum Christen, die die Bibel ernst nehmen, gefährlich sein sollen, ist mir allerdings nach wie vor schleierhaft. Vielleicht hätte unser wagemutiger Reiter, neben seiner Lieblingsliteratur, auch hier und da einen Blick über den Tellerrand wagen sollen. Dann wäre ihm sicher nicht entgangen, dass die dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte gerade die waren, wo die Bibel unbekannt war und ihr Inhalt geheim gehalten wurde und dass gerade dort, wo man zur biblischen Botschaft zurückkehrte (etwa in der Reformation) tiefgreifende und befreiende Veränderungen auszumachen sind: Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms ist wohl das berühmteste Beispiel dafür. Ein Mann, der aufgrund seines biblischen Glaubens wagt, sich gegen die Mächtigen seiner Zeit zu stellen und die Gesellschaft von einem erdrückenden Glauben befreite. Doch dies ist nur ein Beispiel für die endlose Zahl derer, die durch das Lesen oder Hören der biblischen Botschaft zu einem befreiten Leben fanden, in dem sie sich nicht selten für andere aufopferten, ihnen dienten und sogar bereit waren ihren Peinigern zu vergeben und die Kraft fanden Schweres zu (er)tragen.
Jesus Christus selbst, als Vorbild all derer, die ihm folgen, wurde unschuldig hingerichtet und bat dennoch um Vergebung für seine Peiniger. Sein Leben und sein Dienst waren durchzogen von Liebe und Aufopferung für andere – und das alles als einer, der gekommen war, die Bibel zu erfüllen (Mt 5,17–20; Joh 5,39). Seinen Jüngern verbot er Gewalt im Einsatz für ihn (Joh 18,11) und rügte sie, wo sie dem Wort der Bibel nicht vertrauten (Lk 24,13ff.). Derjenige, der Jesus nachfolgt, ist keine Gefahr, sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft, weil er bestrebt ist, hingebungsvoll seinem Nächsten in Liebe zu dienen: „Die Hauptsumme aller Unterweisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungefärbtem Glauben.“ (1Tim 1,5)
So zieht unser Don Quijote wieder einmal gegen ein Phantom zu Felde und richtet viel unnötigen Schaden an. Doch noch tragischer als seine Gestalt, erscheinen mir jene, die zwar Christen sein wollen, doch dem Wort ihres Herrn dennoch nicht vertrauen!